Der gehörnte Mann

Kapitel I: Warten

Der Mann stand am Fenster und wartete. Er wartete schon eine ganze Weile, so um die drei Stunden. Drei Stunden können, wenn man wartet, eine Ewigkeit sein. Wie man sich während dieser Ewigkeit fühlt, hängt davon ab, warum (oder worauf) man wartet. Warten ist nicht gleich Warten. Da gibt es zum Beispiel das frohe, erwartungsvolle Warten: wir empfinden diesen Zustand als Kinder, wenn wir am heiligen Abend in unseren Zimmern ausharren und auf das Erklingen der Glocke warten, die die Ankunft des Weihnachtsmannes - und damit unserer Geschenke - verkündet.
Oder das unruhige, nervöse Warten: wennn wir, unfähig, auch nur eine Minute still sitzen bleiben zu können, rastlos durch den Warteraum neben dem Kreißsaal laufenn, dabei eine Zigarette nach der anderen rauchen und mindestens dreimal pro Minute einen Blick auf die Tür werfen, durch die bald (also nach der zweiten, oder dritten, Schachtel Zigaretten) der Arzt kommt, um uns mitzuteilen, daß es ein Junge geworden sei - oder ein Mädchen (man stelle sich nur mal folgende Szene vor: "Es ist ein Junge!" "Gott sei gedankt!" "Äh, und ein Mädchen." "Zwillinge?!?" "Äh, nein, nur eins...").
Es gibt auch das Warten darauf, daß etwas Schreckliches eintritt: etwa darauf, daß die Polizei aus den Gummispuren (die ohne Zweifel an der Tür zu finden sind) auf den Besitzer des Wagens, der gestern auf dem Parkplatz ein wenig ungeschickt gewendet hat (also Sie), schließen kann und Sie wegen Fahrerflucht dran sind ("Mein Gott, es war doch nur eine kleine Beule!" - Die, in einem fast neuen Mercedes, aber dummerweise mehr kostet als Ihr ganzer Wagen - obwohl der nichts abbekommen hat). Es war nicht so ein Warten.
Es warr auch nicht diese Sorte geduldiges Warten, das wir an den Tag legen, wenn wir in der Schlange einer Supermarktkasse stehen, die von einer Verkäuferin bedient wird, die genau weiß, daß dies der billigste Supermarkt in zwei Kilometern Umkreis ist und wir es uns einfach nicht leisten können, irgendwo anders zu kaufen. Nein, so ein Warten war es auch nicht.
Es war nicht das Warten auf das Schreckliche, das immer von der Hoffnung (so grundlos sie auch sein mag), daß das Schreckliche nicht eintritt, begleitet wird; es war das Warten, das sich einstellt, wenn wir aus leidvoller Erfahrung wissen, daß das Schreckliche auf jeden Fall eintreffen wird. Es war ein Warten ohne Hoffnung, ohne einen Schimmer Licht, der das Ende des Tunnels anzeigt.
Es war mittlerweile vier Uhr morgens, und draußen brach der Tag an. Still wandte sich der Mann vom Fenster ab. So geduldig und ruhig er all diese Stunden in dem dunklen Haus am Fenster gestanden und auf die Lichter eines Taxis gewartet hatte (oh, es war eins gekommen, aber es hatte zwei Häuser weiter gehalten und ein ziemlich betrunkener Nachbar von ihm war ausgestiegen), so ruhig ging er jetzt ins Schlafzimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett. Und war nach einer halben Stunde tatsächlich eingeschlafen.

Kapitel II: Er

Der Mann, der drei Stunden zuvor noch geduldig am Fenster gestanden hatte, wurde von dem ungeduldigen Piepsen des Weckers aus einem traumlosen Schlaf gerissen. Aufgrund schmerzlicher Erfahrungen, was das Wecker-Ausstellen-und-sich-noch-einmal-Umdrehen betraf, warf er sofort die Decke zurück und stand auf. Er ging erst einmal in die Küche und setzte Kaffee auf, starken Kaffee. Er rechnete vier Löffel pro Becher plus zwei für die Kanne. Seine Frau kam mit einem Drittel davon aus. Und das, obwohl sie nicht oft vor ihm zum Schlafen kam. Wenn auch aus anderen Gründen.
Während der Kaffee durchlief, stellte sich der Mann unter die Dusche und ließ das eiskalte Wasser über seinen Körper laufen. Er mußte wach werden, und das war nach zweieinhalb Stunden Schlaf nicht einfach. Gut, er war auf. Und selbst wenn er sich jetzt sofort wieder hinlegen würde, würde er nicht wieder einschlafen können. Nur war das nicht wach. Das war Aufsein. Da er jedoch täglich rund dreihundert Kilometer im Auto zurücklegte, konnte der Unterschied zwischen Aufsein und Wachsein den Unterschied zwischen Metall in der Form eines relativ neuen Mercedes und Metall in der Form eines Haufen Blechs ohne erkennbaren Sinn sein. Und er wollte nicht auf der Straße sterben. Noch nicht.
Nach mehreren Minuten unter der Dusche und drei Bechern Kaffee fühlte er sich fit genug, um zur Arbeit zu fahren. Er hatte keine Zeit mehr, etwas zu frühstücken, aber das war ihm relativ egal, denn er hatte in der letzten Zeit sowieso keinen großen Appetit mehr. Er hatte ihn etwa zu der Zeit verloren, als er damit anfing, mit drei Stunden Schlaf auszukommen.
Der Mann zog sich an, nahm seinen Aktenkoffer, der noch immer in der Garderobe stand, wo er ihn am Vorabend abgestellt hatte, und verließ das Haus. Eine halbe Stunde später saß er in seinem Büro und sah die Aufträge des Tages durch.

Kapitel III: Sie

Das Taxi, auf das der Mann am Fenster all diese Stunden gewartet hatte, kam um kurz vor acht. Die Frau scherzte noch kurz mit dem Fahrer, während sie den Fahrpreis bezahlte; dann ging sie die kurze Auffahrt entlang und schloß die Haustür auf.
Eine melodiöse Nichtigkeit pfeifend, ging sie in die Küche, um die Kaffemaschine in Gang zu setzen, und dann weiter ins Bad, wo sie sich auszog. Die Frau trug Jeans und eine Bluse, die genauso wie der schwarze Seiden-BH und Slip in die Wäschetruhe flogen. Beide waren aufgrund von ausgedehnter Tanztätigkeit am Vorabend total verschwitzt.
Dann drehte sie die Dusche auf und ließ die nächsten zehn Minuten lang, genau wie ihr Mann, das kalte Wasser über ihren Körper laufen. Während sie sich abseifte, suchte sie nach eventuellen versteckten Fettpölsterchen und erschlaffenden Hautfalten, die egal wie schlank wir sind, unwiderruflich den Beginn des Alters anzeigen. Sie fand keine und war zufrieden. Sie war fünfunddreißig, hatte aber die Sorte Körper, die das ideale Mittelstück zwischen den gertenschlanken Gestalten der Twiggy-Ära (die in den Achtzigern, um einige wenige Pfunde aufgepeppt, allgemeiner Standard wurden) und den zwar nicht fetten, aber doch zu vollen Körpern der Ära von, sagen wir, Rubens. Außerdem hatte sie sich erst gestern Nacht bewiesen, daß sie immer noch in der Lage war, jüngere Männer an- bzw. in diesem Fall auszuziehen.
Der Kaffee war inzwischen durchgelaufen, und sie trank, die Tasse mitnehmend, während sie sich abtrocknete und anzog - diesmal einen raffiniert geschnittenen, kniefreien Rock, eine konservative weiße Bluse und weiße Unterwäsche. An ihrer Arbeitsstelle wollte sie nicht für unnötige Aufregung sorgen. Obwohl gerade der Rock, zusammen mit dunklen Strüpfen, für beträchtliche Aufregung unter ihren (zumeist verheirateten) männlichen Kollegen sorgte - und für offene Ablehnung unter denjenigen ihrer Kolleginnen, die von der Natur eher vernachlässigt worden waren. Und zumindest in einem Fall war die Ablehnung auch gerechtfertigt, nur leider (oder zum Glück) wußte die betroffene Kollegin davon (noch) nichts.
Nachdem sie noch kurz die Betten (oder besser: das Bett) im Schlafzimmer gemacht hatte und das wenige benutzte Geschirr gespült hatte, stand sie um fünf nach neun schließlich an der Bushaltestelle zwei Blocks weiter und wartete auf den Busm der sie in die Stadt (und damit zur Arbeit) bringen würde. Ihr Auto stand schließlich immer noch auf dem Parkplatz des Calypso.

Interlude I: Kennenlernen

Man konnte es fast schon klassisch nennen: Sie arbeitete als Verkäuferin in einem Haushaltswarengeschäft. Er war Handelsvertreter, stellte neue Produkte vor, nahm Bestellungen entgegen und kümmerte sich um die Plazierung in den Regalen.
Sie faszinierte seine lockere, freundliche Art. Er wirkte nicht so tot wie die meisten Menschen, die seine (oder eine ähnliche) Tätigkeit ausübten; die waren mit dreiß spätestens verheiratet, hatten (statistisch gesehen) eins-komma-sieben-neun Kinder, zahlten brav die Raten für das Haus ab und mieteten im Urlaub Ferienhäuser in Dänemark oder in der Toskana. Er dagegen strahlte ganz die Atmossphäre eines unabhängigen Singles (der er ja auch war) aus, der seine Mietwohnung nur zum Schlafen benutzte und Cluburlaub machte. Er war aufregender. Und er war neu. Die Stadt war klein, und am Ende begegnete man immer wieder den gleichen Menschen. Das war es wahrscheinlich, was den Ausschlag gegeben hatte.
Ihn faszinierte ihre selbstsichere Art. Bei den meisten ihrer Kolleginnen kam früher oder später (meist früher) unweigerlich der Punkt, an dem sie, wenn sie sich über ein Thema abseits der Arbeit unterhielten, einwarf: "Ja, aber mein Mann sagt..." Als ob ihn die Meinung ihres Mannes interessierte. Bei ihr war das anders. Sie redete für sich. Und je öfter er sie traf, desto stärker war er von diesem natürlichen Selbstbewußtsein fasziniert. Um so mehr noch, als er von den anderen Verkäuferinnen auf Dauer gelangweilt war. Irgendwann einmal schienen sie alle einen Kurs besucht zu haben, in dem ihnen beigebracht worden war, Kaugummi zu kauen (und dann auch noch mit dieser betonten Langsamkeit, als müßten sie sich jedesmal aufs neue überlegen, welche Muskeln dafür denn jetzt gebraucht wurden), belanglose und zuweilen schlicht dumme Sätze aufzusagen und im allgemeinen den Eindruck zu erwecken, daß es den Gipfelpunkt ihrer intellektuellen Entwicklung darstellte, wenn sie eine Registrierkasse bedienen konnten.
Und da er fünf Tage die Woche täglich acht Stunden mit diesen geistlosen Verkaufsautomaten zu tun hatte, war es nur natürlich, daß ihn eine Frau, die aus diesem Schema herausfiel, unwahrscheinlich anzog. Wie eine Kerze es auch mit Motten tut.

Kapitel IV: Sie

Kurz halb zehn, und gerade noch rechtzeitig, betrat die Frau das Geschäft, in dem sie arbeitete, in der gelösten Stimmung von Gewohnheitsgewinnern, nachdem sie - wieder einmal - gewonnen haben. "Na, Susanne, noch einen schönen Abend gehabt, im Calypso?" Susanne antwortete nicht - sie hatte den ganzen Abend über nur Augen für den Mann gehabt, mit dem ihre Kollegin dann schließlich die Disco verlassen hatte. Nicht, daß die Frau den Mann nur deshalb ausgewählt hatte. Aber da sie die Blicke, die Susanne ihm hinterherschickte, richtig interpretiert hatte, hatte sie die Nacht doppelt genossen. Susanne war um fast zehn Jahre die J√ľngere; dummerweise fehlte ihr das an Brust, was sie an Bauch zuviel hatte, was ihr, obwohl sie nicht wirklich dick war, das Aussehen einer Tonne verlieh. Damit war sie verdammt, in den Szenediscos bis zum Schluß zu warten; wenn sich dann immer noch keiner ihrer erbarmte, blieben ihr nur noch die Nightspots. Man konnte ihr ansehen, daß sie dort öfter war, als sie zugab.
Die Frau genoß ihren Triumph, während ihr Susanne einen ha6szlig;erfüllten Blick zuwarf.
Was sie dabei am meisten amüsierte, war die Tatsache, daß käme es im Geschäft zu Entlassungen, Susanne zuerst gehen müßte. Sie wußte es vom Geschäftsführer. Sie schlief gelegentlich mit ihm.

Interlude II: Erste Nacht

Irgendwann fragte er sie dann einfach, was sie an diesem Abend so vorhätte, und mit einem hinreißenden Lächeln antwortete sie: "Nichts. Noch nichts, zumindest." (Später erfuhr er, allerdings durch Zufall, daß sie an diesem Abend eigentlich mit ihrem damaligen Freund verabredet gewesen war, diesen aber eiskalt versetzt hatte.)
Er schlug ihr ein kleines Steakhaus vor, in dem man sich doch nach Feierabend treffen könnte. Um kurz nach sieben - sie hatte es vorgezogen, sich vorher noch umzuziehen, und ihm gesagt, vor sieben hätte sie keine Zeit - betrat sie den Raum und war in dem Moment die hinreißendste frau, die er je kennengelernt hatte. Sie trug Jeans wie er, aber an ihr saßen sie wie an einem Model. Dazu kamen eine raffinierte Bluse, bei der man nie genau wußte, ob sie nun etwas zeigte oder nicht, und diese Sorte einfache Pumps, die gerade durch ihre Einfachheit eine unwahrscheinliche Ausstrahlung haben.
Er war sprachlos. Er war kurz davor, versteinert sitzenzubleiben. Er war kurz davor, einen doppelten Osborne zu bestellen und zu kippen. Stattdessen schaffte er es, ohne auch nur die Andeutung eines Frosches im Hals, zu sagen: "Du siehst wundervoll aus!", was ihm ein strahlendes Lächeln einbrachte, und ihr den Stuhl zurechtzurücken.
Von da an verlebte er den Abend wie in Trance. Er konnte sich daran erinnern, daß sie viel lachte und oft mit ihm anstieß. Und daß ihre Augen jedesmal ein wenig länger aus seine geheftet waren. Bis sie sich irgendwann in der Mitte der zweiten Flasche argentinischen Rotweins und lange nach dem Dessert zum ersten Mal küßten. Es war ein zarter Kuß ein Kuß, der sanft und doch voll war, und kurz genug, um Hunger auf mehr zu machen - und es auch versprach. Und plötzlich fanden ihre Hände auf dem Tisch zusammen und blieben dort liegen, leicht ineinander verschlungen, als ob man sich von jetzt an nicht mehr trennen konnte. Was zumindest für ihn auch stimmte.
Irgendwann kam die Rechnung, die er übernahm, und dann standen sie plötzlich draußen in der Nacht. "Was kann man denn um diese Uhrzeit bei euch in der Stadt noch so machen?" "Nichts", meinte sie. "Aber wenn du willst, ich habe noch eine Flasche Wein im Kühlschrank..." Ihm fiel außer "Aber gerne!" keine gescheite Antwort ein, und so schlenderten sie Hand in Hand den Hafen entlang und durch romantische Gassen mit Fachwerkhäusern, bis sie schließlich bei ihr waren.
Ihr Sofa war eines dieser etwas wuchtigen, aber unglaublich bequemen schwedischen Teile, in die man glatt hineinsinken kann - und wenn dann noch jemand anderes auf das gleiche Sofa sinkt, verdrängt man jeden Gedanken daran, jemals wieder aufstehen zu müssen.
Zwei Stunden später gingen sie ins Bett, aber das konnte nach dem Sofa eigentlich nur noch als Rückschritt angesehen werden.

Kapitel V: Ein Abend

Ihr Mann kam um kurz vor sechs nach Hause. Er setzte den Wagen ordentlich rückwärts in die Einfahrt, schloß die Haustür auf und stellte seinen Aktenkoffer ab. Dann ging er ins Wohnzimmer, öffnete die Terassentür und blieb für einen Moment in der geöffneten Tür stehen, um die aromatische Luft des beginnenden Sommerabends einzuatmen. Dann ging er zur Hausbar und schenkte sich einen doppelten Whisky ein. Mit dem Glas in der Hand ging er nach draußen und setzte sich auf einen der zwei Gartenstühle, die zu diesem Zweck auf der Terasse standen. Heute war Mittwoch. Heute würde sie nach Hause kommen. Keine der Discos, die sie besuchte, hatte mittwochs auf.
Während des Sommers bricht der Abend spät an, aber bereits um sechs setzt ein Wechsel in den Lichtverhältnissen ein zum Romantischen ein. Die pralle, gleißende Mittagssonne, die auf Fotos immer diesen unangenehmen Blaustich hervorruft (es sei denn, man verwendete ein Skylight Filter) wechselt ihre Farbe zu einem erst zarten, dann immer stärkeren Gold. Irgendwann beginnt es dann auch leicht dunstig zu werden, das ist dann der Moment, wo sich romantische Seelen ins Träumen verlieren. Der Mann holte sich zwischendurch den nächsten Whisky, denn der half beim Träumen ganz enorm.
Seine Frau kam um kurz vor sieben mit ihrem Wagen. Sie betrat das Haus mit einem fröhlichen "Hallo, Schatz!", sah dann die offene Verandatür, trat hinaus und küßte ihren Mann auf die Wange. Er erwiderte ihren Kuß, dann holte sie sich ebenfalls einen Drink und setzte sich auf den zweiten Stuhl. "Ist das nicht ein wundervoller Abend?" Kein Wort über letzte Nacht, aber ihr Mann hatte es auch nicht erwartet. Und er rechnete auch nicht damit, daß sie im Verlauf des Abends noch etwas dazu sagen würde. Früher hatte sie es immer gestanden. Und zumindest so getan, als sei sie zerknirscht. Mittlerweile brauchte sie es nicht mehr.
Sie redeten über Nichtigkeiten und tranken ihre Drinks, bis der Garten vollständig im Schatten versunken war. Dann meinte ihr Mann schließlich: "Ich glaube, ich hau' mich hin. Ich bin hundemüde." Sie wußte nicht, daß er die Nächte, in denen sie nicht da war, am Fenster verbrachte und auf ein Taxi wartete, das nie kam.
"Weißt du was, ich glaube, ich komme mit. Ich kann auch ganz gut etwas Schlaf gebrauchen." Sie sagte das so einfach und locker, daß man es für einen normalen Satz zwischen zwei arbeitenden Ehepartnern halten konnte. Für ihn bedeutete es nur: Heute ist deine Nacht.
Sie räumten die Gläser weg und gingen ins Schlafzimmer. Beide zogen sich aus, dann putzten sie sich die Zähne. Routine. Sie waren erst drei Jahre verheiratet, aber manche Routinen entwickeln sich schnell - besonders die, die das Zusammenleben betreffen. Früher hatte er immer das vage Gefühl gehabt, daß eine Ehe eine Beziehung von der Ebene des Sexuellen auf die Ebene einer Wohngemeinschaft herabstieß. Heute wußte er, daß dies eine absolute Tatsache war.
Er lag schon im Bett, als sie dazustieg und sich an ihn herankuschelte, ihm Nettigkeiten ins Ohr flüsternd. Er wußte, daß sie das nur tat, um ihn zu verführen. Sie wollte an diesem Abend mit irgendjemandem schlafen, und er war nun mal gerade da, und sie wußte, wie sie seine Männlichkeit wecken konnte.
Schließlich zog sie ihn auf sich. Das war auch etwas an ihr, was ihn gewundert hatte - beim Sex mit ihm hatte es die gute alte Missionarsstellung zu sein. Ganz am Anfang hatte er gedacht, daß sie vielleicht nicht anders konnte. Dann, daß dies die Stellung war, die sie sich für ihn aufhob - sozusagen eine kleine Privatspäre, in die nur er eindringen durfte. Mittlerweile wußte er, daß es genau anders herum war: alle anderen Stellungen sparte sie sich für ihre Liebhaber auf.
Trotzdem genoß er es. Und für einen kurzen, sehr kurzen Moment - nicht beim Orgasmus, etwas früher - klarten sich seine Augen auf und verloren ihre melancholische Trübheit, die sie seit einigen Jahren verschleierte (einige "Freunde" behaupteten hinter seinem Rücken, es liege am Alkohol, nur er wußte den wahren Grund). Nicht daß sie es mitbekam - ihre Augen waren geschlossen, und er konnte nur hoffen, daß sie in diesem Moment auch in Gedanken bei ihm war. Aber es war keine große Hoffnung.
Die gemeinsame Zigarette danach kam viel zu schnell - wie gerne wäre er noch auf ihr liegengeblieben, selbstvergessen und glücklich. So lagen sie einzeln gegen die Kissen gelehnt, zwischen sich den Aschenbecher. Und er fragte sich, ob sie später am Abend nochmal weggehen würde. Sie hatte es schon ein paar Mal getan. Aber an diesem Abend war sie entweder von ihm befriedigt worden oder zu müde. Sie blieb. Und schlief irgendwann ein. Während er noch zwei Stunden wachlag.

Kapitel VI: Dienstreise

Am darauffolgenden Montag mußte er eine kleine Dienstreise antreten, und es paßte ihm überhaupt nicht. Früher hätte er begeistert noch ein, zwei Tage Urlaub drangehängt, wenn die Gegend nett war, und hätte den Trip genossen, aber jetzt bedeutete eine Dienstreise für ihn nur noch weniger Schlaf. Er würde sich jede Nacht schlaflos hin- und herwälzen und den Kopf zermartern, welchen Liebhaber sie gerade ins Ehebett schleppte. Sie hatte, als er ihr sagte, daß er leider für einige Tage diesntlich los müsse, mit unverhohlener Freude reagiert. Für sie bedeutete das sturmfrei Bude, und sie würde es ausnutzen, so gut sie konnte. Ihr Mann wußte es. Und es quälte ihn, daß sie ihm noch nicht einmal die elementarsten rechte zugestand, d.h. sich nicht im gemeinsamen haus zu vergnügen.
Er überstand den Tag irgendwie, indem er sich auf die Autobahn konzentrierte und so schnell fuhr, wie es ging. Den Abend verbrachte er in der Hotelbar, wo er versuchte, das würgende Gefühl im Magen, diese Beklemmung im Kopf mit Whisky zu bekämpfen. Nicht, daß es ihm gelang. Aber es war den Versuch wert. Am anderen Morgen erwachte er mit wütenden Kopfschmerzen und mit einer Zunge, die so pelzig war wie Rattenfell (und ebenso schmeckte). Er duschte kalt, dann versuchte er mit der Hilfe von Mundwasser und Zahnpasta einen halbwegs akzeptablen Atem zu bekommen. Schließlich frühstückte er noch etwas, dann fuhr er mit dem Aufzug in den Konferenzraum des Hotels, wo die Begrüßung zu einem dieser nervtötenden Fortbildungsseminare, die immer mit einem "Zertifikat" oder einer "Urkunde über erfolgreiche Teilnahme" abgeschlossen werden, stattfinden sollte.
Die nächsten zwei Tage verbrachte er tagsüber in dem stickigen Konferenzraum, wo er mit neunundzwanzig anderen Vertretern Vorträgen über aggressive Verkaufstaktiken ("Auch du bist General! Deine Worte sind deine Truppen! Setze sie so ein, daß sie den Sieg erringen!"), Verhandlungsführung ("Bereiten sie sich vor! Wie abhängig ist ihr Gegenüber von ihrem Produkt? Was können sie ihm bieten?") und Rhetorik ("Passen sie ihre Stimme der Situation an. Beten sie nicht stur die Prospekte herunter, sondern halten sie das wirtschaftliche Äquivalent einer Wahlkampfrede!") zuhörte, die alle nichts wirklich Neues zu bieten hatten, und abends und nachts betäubte er seine quälenden Gedanken in der Hotelbar.
Der dritte Tag blieb ihm zum Glück zur Hälfte erspart, weil der Hauptredner plötzlich erkrankt war, aber es war wohl kein allzu großer Verlust, wenn man "Aktive Produktpräsentation und der Handlungsreisende" nicht miterlebt hatte. Die verbleibenden zwei Vorträge wurden auf den Vormittag gelegt, so daß das Häufchen Vertreter, deren Freizeitgespräche über das Austauschen von amourösen Arbeitsabenteuern ("Also, ich habe da diesen Termin, ich bin zu der Zeit bestellt, ja, und klingele da, und sie macht mir auf und hat nichts an als so ein zartrosa Negligè. Ich so ganz cool: 'Oh, entschuldigen sie. Ich bin wohl zu früh da. Ich warte hier draußen, während sie sich anziehen.' und sie flötet: 'Oh nein, kommen sie ruhig rein, ich liiieeebe es einfach bequem!', naja, und was soll ich sagen, ich also rein...") nie hinausgekommen war, sich vor die Wahl gestellt sah, den Nachmittag zusammen einen draufzumachen oder früher nach Hause zu fahren. Die meisten fuhren früher.
Er hatte sich überlegt, ob er mit den drei Kollegen, die noch blieben - schließlich war das Hotel bezahlt - noch durch die Weinkeller der Stadt ziehen sollte, oder ob er auch schon früher nach Hause fahren sollte. Schließlich entschied er sich zu fahren. Er würde zwar erst am Abend ankommen, aber er wollte nicht noch eine Nacht in der Hotelbar verbringen.

Interlude III: Hochzeit

Nach dieser ersten Nacht folgten weitere. Sie trennte sich von ihrem aktuellen Freund, mit dem sie, wie sie sagte, "schon seit längerem nichts mehr verband". Nach einer Weile zogen sie zusammen. Und dann waren sie plötzlich verheiratet. Das alles passierte mit einer Geschwindigkeit, die ihm einfach keine Zeit zum Wachwerden und Nachdenken ließ. Wenn es warnende Stimmen gab, dann nahm er sie entweder nicht war oder er ignorierte sie. Er war seit der ersten Nacht mit ihr wie in Trance, unfähig, klar zu denken oder sich einmal zurückzulehnen und die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Als sie "Ja, ich will!" sagte, war es der glücklichste Moment seines Lebens. Die sich anschließenden Flitterwochen verbrachten sie größtenteils im Bett.
Und die Trance hielt an. Sie fanden ein kleines Haus im Grünen, das sie mieten konnten und richteten sich ein - ein ganz normales, verliebtes, junges Ehepaar.
Und dann kam die Nacht, in der sie erst um drei von einem Abend mit ihren Kolleginnen zurückkam und ihm sagte, daß sie zu viel getrunken hätte, und daß sie gar nicht gewußt hätte, was sie tat, und daß er - irgendein dunkelhaariger Südländer - "Italiener, Franzose, Portugiese oder sowas" - ihren Zustand schamlos ausgenutzt hätte, und ob er ihr verzeihen könnte, all das unter Sturzbächen von Tränen, die ihr Make-Up verwischten und ihr das Aussehen eines zerbrechlichen jungen Kaninchens gaben, das eben festgestellt hat, daß das Leben nicht rosarot ist.
Und natürlich konnte er ihr verzeihen. Er stellte sogar - völlig überrascht - fest, daß er gar nicht anders konnte, als ihr zu verzeihen. Die einzige andere Möglichkeit war so unvorstellbar, daß sie noch nicht einmal in der Auswahlliste auftauchte. Er war süchtig nach dieser Frau, er brauchte sie einfach zum Leben. Über so etwas wie einen Seitensprung kam er hinweg. Aber irgendetwas tief in ihm bekam in dieser Nacht einen Knacks.
Und irgendwann während der nächsten Male, wo sie ihn, mit immer weniger Tränen im Gesicht, um Verzeihung bat, zerbrach es.

Kapitel VII: Zurück

Während der Rückfahrt gelang es ihm, seine Gedanken halbwegs unter Kontrolle (und auf die Straße gerichtet) zu halten. Jetzt, wo er zurückfuhr, kehrte auch der Fatalismus, die melancholische Schicksalsergebenheit, die ihn seit Jahren vor dem Wahnsinn bewahrte, wieder zurück. Es war, wie er manchmal scherzhaft sagte, sein Überlebensinstinkt, der wieder die Kontrolle übernahm.
Als er schließlich zuhause ankam, bemerkte er zuerst, daß ihr Wagen in der Einfahrt stand, dann, daß Licht im Haus brannte. Sie war also da. Eine zarte Hoffnung keimte in ihm, wie ein Grassamen in der Furche der Autobahn - wahrscheinlich würde der Keim nie über die Größe eines Sprosses hinauskommen, aber ein Versuch war gemacht.
Er schloß leise die Haustür auf. Er hatte unterwegs am Straßenrand einen kleinen Straß Blumen gekauft und hoffte, sie zu überraschen. Schließlich wurde er erst morgen zurückerwartet.
Er sah erst im Wohnzimmer nach, fand dieses aber leer. Dann hörte er die typischen, undeutlichen Fernsehgeräusche aus dem Schlafzimmer. Anscheinend hatte sie sich einen frühen Abend gegönnt. Er versteckte die linke Hand mit den Blumen hinter seinem Rücken und öffnete mit der Rechten ruckartig die Schlafzimmertür: "Hallo Schatz! Sie haben uns früher ziehen lassen!"
Das große Knäuel unter der Bettdecke löste sich explosionsartig auf und zwei vor Hitze rote und ziehnlich zerzauste Köpfe schossen empor, von denen zumindest einer ziehmlich entsetzt aussah. Sein Magen krampfte sich zusammen, als würde er in einer Schrottpresse stecken und das Dröhnen in seinem Kopf steigerte sich innerhalb von Sekundenbruchteilen zu einem Orkan. Die linke Hand öffnete sich und die Blumen fielen zu Boden. Genau diesen Moment wählte die Frau, die im Fernseher an die vier Ecken eines Messingbettes gefesselt war, um zu dem Mann, der seinen Kopf völlig zwischen ihren weitgeöffneten Schenkeln vergraben hatte und sie unmöglich hören konnte, zu sagen: Weiter, Paolo, mach weiter! Jaaaaa..."
Sein Mund und Hals waren knochentrocken und als er flüsterte, war es ein tonloses Krächzen. "Oh, entschuldigt, ich störe wohl gerade." Er stolperte aus dem Zimmer und schloß die Tür hinter sich. Während er sich an die Türfüllung lehnte und leer in die mittlere Entfernung starrte, ohne irgendetwas zu sehen, vermischte sich drinnen eine erregte Unterhaltung mit dem Gestöhne des Pornofilms.
Sie hatte es also doch getan. In ihrem gemeinsamen Ehebett. Na gut, er hatte es eh vermutet. Es war zwar das erste Mal, daß er sie wirklich mit einem anderen Mann erwischte, aber das änderte jetzt auch nichts mehr. Er hatte jetzt schon so viele Affären von ihr geschluckt, daß es auf eine mehr auch nicht mehr ankam.
Nein, was ihn wirklich rasend machte, was in seinem Gehirn herumbrüllte und tobte und einen Schmerz auslöste, zu dem er sich nicht mehr fähig gehalten hatte, war das Gesicht des Mannes, mit dem sie dort in ihrem Bett lag, und der eben jetzt erregt auf sie einzureden schien, während ihre Stimme vollkommen ruhig klang. Er kannte das Gesicht. Den Mann, zu dem es gehörte kannte er seit zehn Jahren. Er war auf seiner Hochzeit mit dabei gewesen. Er hatte ihn auch auf diese Dienstreise geschickt, nicht ganz uneigennützig offensichtlich. Der Mann war sein Chef.
Schließlich holte er tief Atem und löste sich von der Türfüllung. Der Blumenstrauß war, halbzertreten, in der Tür eingeklemmt. Er ließ ihn dort und ging zu seinem Wagen, setzte sich hinter das Steuer und ließ den Motor an.

Kapitel VIII: Mondlicht

Er parkte den Wagen mitten im Industriehafen, zwischen Containern und geparkten Schleppern. Dann öffnete er den Kofferraum und nahm das Abschleppseil heraus. Anschließend suchte er sich von den runden Feldsteinen, mit denen eine kleine Grünfläche gegen Befahren gesichert war, den Größten, den er noch tragen konnte heraus. Ein Ende des Seils zog er durch die Schlaufe am anderen Ende, dann wickelte er den Rest des Seils um den Stein. Schließlich legte er sich die Schlaufe um den Hals, wuchtete den Stein hoch und ging zur Hafenkante. Dort blieb er einen Moment stehen und starrte auf das völlig glatte und tiefschwarze Wasser. Dann sprang er.
Beim Aufprall auf das Wasser hatte er den Stein losgelassen, und jetzt strebte der Stein stetig dem Grund entgegen, ihn unweigerlich mit in die bodenlose Tiefe (hier etwa 15 Meter) ziehend. Aber, wie es nun mal das Problem mit runden Steinen ist, sie lassen sich schwer anbinden. Besonders, wenn das Seil nicht allzu lang ist. Und irgendwann löste sich der Stein aus dem Abschleppseil und sank alleine dem Grund entgegen, während der Mann, der sich seiner Führung anvertraut hatte, nun wieder Auftrieb bekam. Und keine Luft.
Wenn man keine Luft mehr bekommt, setzt irgendwann der Körper von ganz allein Reaktionen in Gang, die darauf abzielen, die Lunge wieder mit frischem Sauerstoff zu versorgen. Der Mann drückte sich mit gewaltigen Beinschlägen verzweifelt nach oben. Schließlich durchbrach er die Wasseroberfläche, riß sich die Schlinge vom Hals und sog gierig die frische Luft in seine Lungen.
Als er sich soweit erholt hatte, daß er ruhiger atmen konnte, ließ er sich auf der Wasseroberfläche treiben. Der Mond war mittlerweile hinter einer Wolke hervorgekommen und tauchte das Hafenbecken in ein geradezu surreales Licht. Bleiche Reflexe tanzten auf einzelnen Kräuselungen im ansonsten fast ölglatten Wasser. Eine leichte Strömung trieb ihn die Kaimauer entlang wie ein Stück Treibgut. Irgendwo schrie eine Möwe. "Vielleicht", dachte er, "solle ich irgendwo einfach noch einmal ganz von vorne anfangen..."